| 99-B09-318 | WW-Person auf CD [Computerdatei] : ein Informationssystem über den historischen höheren Adel im Heiligen Römischen Reich mit Berücksichtigung des europäischen Adels / Herbert Stoyan. - [Neustadt an der Aisch] : Degener [4936]Version 1. 12/1997 (1997). - 1 CD-ROM. - ISBN 3-7686-2503-6 : DM 100.00 |
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Bestand im SWB / Bibliographische Beschreibung |
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Der Adel in Europa bildet wegen seiner herausgehobenen politischen, sozialen, verfassungsrechtlichen, kirchlichen und wirtschaftlichen Stellung ein ergiebiges Forschungsobjekt u.a. für historische, soziologische, biographische, prosopographische und genealogische Fragestellungen. Gerade in den letzten Jahren hat auch unter dem Aspekt der Elitenforschung dieses Interesse erkennbar zugenommen (vgl. z.B. die Arbeiten von K. F. Werner, E. Hlawitschka, V. Press, H. Reif, R. Endres, E. Pelzer, K. Keller). Eine möglichst vollständige prosopographische Erfassung des mitteleuropäischen Hochadels bildet daher eine überaus dankenswerte Aufgabe und vorteilhafte Basis für vielfältige Analysen. Es gibt bislang für zahlreiche Territorien, Epochen, Dynastien zwar genealogische Handbücher, doch deren Benutzung, der rasche Zugang zu diesen und komplexere Anfragen könnten durch ein übergreifendes Informationssystem wesentlich erleichtert werden. Hierfür eignen sich ganz vorzüglich die multiplen Verknüpfungsmöglichkeiten der elektronischen Medien, wie die von H. Stoyan erstellte CD-ROM unter Beweis stellt. WW-Person kumuliert biographische Kerndaten aus nahezu 140 genealogischen Nachschlagewerken und Aufsätzen von 1840 bis in die jüngste Vergangenheit. Zu der enormen Menge von mehr als 126.000 Angehörigen des Hochadels vom 8. Jahrhundert bis etwa 1914 (teilweise sogar bis in die Gegenwart) werden (soweit möglich) genaue Lebensdaten mit Geburts- und Sterbeorten, Titulatur, Eltern, Ehepartner und Kinder, in wenigen Fällen außerdem Porträts und Wappen angegeben. Die Informationen beruhen hauptsächlich auf Nachschlagewerken wie dem Genealogischen Handbuch des Adels (Gotha),[1] L'Allemagne dynastique von Huberty oder den Europäischen Stammtafeln von Schwennicke. Die Installation des Programms wwperson auf dem PC (unter Windows 3.1 und höher) verläuft - im Unterschied zu den Produkten einiger anderer Verlage - völlig unproblematisch. Das als Textdatei enthaltene Handbuch, das bei Bedarf über die Hilfefunktion konsultiert werden kann, muß nicht oft um Rat gefragt werden, da die meisten Menüfunktionen reibungslos arbeiten und sich dem Benutzer logisch weitgehend von selbst erschließen. Die Erläuterungen sind recht präzise und hilfreich. Insgesamt macht sich die herausragende technische Kompetenz des Autors, eines Professors für Informatik, überaus positiv bemerkbar. Alle technischen Prozeduren sind sehr ausgereift, zumal die Datenbank bereits seit 1995 auch im Internet recht gut funktioniert. Die gesuchten Personen können mit Hilfe eingängiger Menüfunktionen entweder durch direkte Eingabe des Namens oder der Dynastie bzw. des Territoriums in ein Formular oder mit Hilfe von Indizes meist erstaunlich rasch ermittelt werden. Prinzipiell ähnliche Funktionen bietet auch die Internet-Version von WW-Person.[2] Diese ist im Vergleich mit der CD-ROM wesentlich umfangreicher, befindet sich allerdings teilweise in einem Experimentierstadium. Soweit zu sehen, ist die Erfassung der Namen recht sorgfältig, orientiert sich allerdings an den Schreibweisen der jeweiligen Vorlagen. Varianten, welche bis in das 18. Jahrhundert überaus häufig sind, werden kaum berücksichtigt. Dubiose Formen sind durch Fragezeichen als solche kenntlich gemacht. Durch die Suche nach verschiedenen Kriterien sind am leichtesten verwendbare Resultate zu erzielen, allerdings kann die Trefferquote gelegentlich sehr hoch werden. Von Einzelpersonen bzw. "Probanden" ausgehend, findet man rasch Vorgänger oder Nachfolger in der Regentschaft sowie Angehörige verschiedener Verwandtschaftsgrade. Dasselbe könnte zwar auch mit Hilfe der herkömmlichen gedruckten Nachschlagewerke geleistet werden, doch müßte hierfür erheblich mehr Zeit und Mühe aufgewandt werden. Ein deutlicher Vorteil des digitalen Datenträgers zeigt sich besonders dann, wenn das Konnubium zwischen verschiedenen Geschlechtern untersucht werden soll. Wofür sonst viele unterschiedliche, teils schwer zugängliche genealogische Arbeiten herangezogen werden müßten, ermöglicht die CD-ROM eine rasche Übersicht auch komplexer Relationen über mehrere Generationen hinweg. Auf Wunsch werden Vorfahren- oder Nachfahrentafeln generiert, wobei die knapp bemessenen Fenster leider dazu führen, daß manche Namen hierbei nur abgeschnitten präsentiert werden. Recht einfach kann zwischen verschiedenen Formen der Darstellung umgeschaltet werden. Die Verknüpfungsmöglichkeiten innerhalb der relationalen Datenbank sind nahezu optimal ausgebaut. Solange eindeutige Verwandtschaftsbeziehungen vorliegen, lassen sich diese ganz vorzüglich darstellen, doch bei zweifelhaften, wahrscheinlichen, vermutlichen Beziehungen wird es schwierig, den Grad solcher Wahrscheinlichkeiten in einer auf Eindeutigkeit beruhenden logischen Struktur angemessen darzustellen. Neben der technischen Seite, die nahezu uneingeschränkt positiv bewertet werden kann, sind einige inhaltliche Aspekte anzusprechen: Die Datenbank umfaßt sowohl weltliche als auch geistliche Angehörige des Hochadels von den Kaisern bis zu Grafen, Bischöfe wie Äbte. Indem darüberhinaus sogar die Päpste von Petrus bis zur Gegenwart in einer Liste enthalten sind, greift die CD-ROM klar über die im Titel angegebenen Grenzen hinaus. Dasselbe gilt für die chronologische Reichweite von den Karolingern bis zu Kaiser Wilhelm II. und die z.T. noch lebenden Nachkommen vieler Familien, also weit über das Ende des Hl. Römischen Reichs hinaus. Auch der geographische Rahmen wird überschritten, da die Dynasten nicht nur aus den Nachfolgestaaten des Deutschen Bunds und der Habsburgischen Monarchie bis 1918 erfaßt, sondern teilweise für ganz Europa berücksichtigt sind. Die Problematik der Grenzen des Römischen Reichs spielt keine Rolle. Wer sucht, wird nicht nur von Mantua bis Mecklenburg auf der CD-ROM fündig. Die Informationen zu den Einzelpersonen sind unterschiedlich ausführlich und werden sicher in Zukunft noch erweitert. Teilweise handelt es sich um bloße Namen mit einer dürren Angabe der Amtsdauer, teilweise eröffnen sich weiterführende Perspektiven, wenn darüberhinaus exakte Daten, ein komprimierter "Lebenslauf" usw. bezeichnet werden. Bei den Datierungen sollte definiert werden, ob der Schrägstrich eine Unsicherheit oder die Differenz zwischen neuem und altem Stil bezeichnet. Knappe Lebensläufe sind in der vorliegenden ersten Version (Dezember 1997) bislang nur den Kaisern vorbehalten. Vor allem in den klar nachvollziehbaren genealogischen Verknüpfungen liegt der größte Wert der Publikation von WW-Person. Auch in einem Buch kann man zwar Notizen anbringen, sollte dies allerdings gerade in Bibliotheken und bei fremden Büchern tunlichst unterlassen. Die CD-ROM lädt jedoch geradezu zu einem solchen interaktiven Umgang ein, indem die Rubrik Notizen durch eigene Kommentare des Lesers bzw. des "Users" gefüllt werden kann, z.B. Korrekturen, Hinweise auf weitere Quellen oder bemerkenswerte biographische Zusätze. Wer will, könnte hier auf neuere Erkenntnisse der historischen Adels- und Elitenforschung hinweisen. Da die Genealogie ja nicht bloß eine "Ahnengalerie", sondern idealerweise auch "Lebensbilder" bieten soll (v. Lehsten), wäre es wünschenswert, das - was nicht bestritten werden soll - vorzügliche Datengerüst der CD-ROM durch ergänzende biographische Informationen und vor allem durch weiterführende Literaturangaben abzurunden. Davon ist WW-Person momentan noch relativ weit entfernt. Einer entsprechenden inhaltlichen Erweiterung, die im Kern bereits angelegt scheint, steht kaum etwas im Wege. Erste Auswertungsmöglichkeiten von WW-Person hat exemplarisch Walter Demel während des 42. Deutschen Historikertags angedeutet, indem er das überregionale Konnubium für Deutschland und England im Vergleich und nach langfristigen Trends untersucht. Aus bibliographischer wie historischer Perspektive bleiben korrekte und präzisere Einzelnachweise zu wünschen, welchen Quellen die Informationen über die einzelnen Personen entnommen sind, sowie weiterführende Hinweise auf die relevante Literatur. Wohl aus urheberrechtlichen Gründen wird in vielen Fällen auf ältere genealogische Nachschlagewerke zurückgegriffen, deren Zuverlässigkeit, insbesondere innerhalb der mediävistischen Forschung, durchaus umstritten ist. Eine kritische Bewertung oder Diskussion der Zuverlässigkeit ist allerdings nicht Ziel und Aufgabe der CD-ROM. Die herangezogenen Werke werden in etwas pauschaler Form und mit teilweise unorthodoxen Abkürzungen zitiert. Außer den herangezogenen rein genealogischen Werken sind offenbar kaum andere Lexika oder Lebensbilder integriert. Die ausgereifte und erprobte Konzeption von WW-Person ist prinzipiell über den Adel hinaus auch auf andere Bevölkerungsgruppen übertragbar. Eine ähnliche EDV-Struktur könnte beispielsweise einer projektierten Erfassung der Kirchenbücher in den deutschen Diözesen zugrundegelegt werden. Insgesamt kann der CD-ROM bescheinigt werden, daß sie technisch - mit Verzicht auf modische Features - auf einem hohen Niveau steht und zugleich auch für EDV-Laien relativ einfach zu bedienen ist. Inhaltlich sind gewiß noch Verbesserungen und vor allem Ergänzungen möglich. Diese wären sogar sehr ratsam, damit WW-Person als EDV-Arbeitsinstrument und Hilfsmittel über die Genealogie hinaus in verschiedenen kulturwissenschaftlichen Disziplinen, insbesondere auch seitens der historischen und soziologischen Forschung eine angemessene Akzeptanz finden kann.
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| Bernhard Ebneth |