Norbert Kruse und Hans Ulrich Rudolf (Hgg.): 900 Jahre Heilig-Blut-Verehrung in Weingarten 1094-1994. Festschrift zum Heilig-Blut-Jubiläum am 12. März 1994. Sigmaringen: Jan Thorbecke Verlag. 2 Teilbde., 956 S., über 800, teils farbige Abb.; Dieselben (Hgg.): 900 Jahre Heilig-Blut-Verehrung in Weingarten 1094-1994. Katalog zur Jubiläumsausstellung. Ebenda. 192 S.

Mit Schenkungsurkunde vom 12. März 1094 übereignete Judith, die Erbtochter Graf Balduins V. von Flandern und Gemahlin des Bayernherzogs Welf IV., dem welfischen Hauskloster Weingarten ihren Anteil an der 1048 in Mantua wiederentdeckten Reliquie des Heiligen Blutes - Ausgangspunkt einer überaus wirkungsmächtigen Tradition, die hier in zwei dicken, opulent bebilderten Aufsatzbänden umfassend wissenschaftlich aufgearbeitet wird. Der dritte Band beschreibt die Exponate der 1994 in Weingarten veranstalteten Jubiläumsausstellung.

Es können hier selbstverständlich nicht alle 46 Aufsätze der hochkarätigen Festschrift gewürdigt werden. Der erste Teil gilt der Verehrung des Weingartener Heilig-Bluts, wobei nach historischen Aspekten (I.1), bau-, kunst- und musikgeschichtlichen Aspekten (I.2) und regionalgeschichtlichen Aspekten (I.3) untergliedert wird. Herausgehoben werden sollen die wichtigen Beiträge der beiden Herausgeber: Hans Ulrich Rudolf gibt einen Überblick der Weingartener Heilig-Blut-Verehrung (S. 3-51) und fragt nach den richtigen Jubiläumsdaten (S. 52-56). Den Weg der Reliquie von Mantua nach Altdorf-Weingarten verfolgt Norbert Kruse. Er ediert nicht nur das Stiftertestament von 1094, sondern in seinen Studien "Die historischen Heilig-Blut-Schriften der Weingartener Klostertradition" (S. 77-123) und "Der Bericht von den ersten Wundern des Heiligen Blutes im Jahr 1200" (S. 124-136) auch die behandelten Texte - dankenswerterweise jeweils mit deutscher Übersetzung.

Schwerpunkt der weiteren Beiträge von Teil I ist die frühe Neuzeit sowie das 19./20. Jahrhundert - dies hat unter anderem zur Folge, daß man sich die Informationen über die Intensivierung des Kults am Ende des 15. Jahrhunderts, die im Zusammenhang mit der Ordensreform und dem Wiedererwachen des Interesses an den welfischen Stiftern zu sehen ist, aus verschiedenen Aufsätzen zusammensuchen muß. Angemerkt sei, daß eine nähere Beschäftigung mit dem um 1500 entstandenen "Stifterbüchlein", dessen Handschrift in der Stuttgarter Landesbibliothek übrigens eine imitierte romanische Minuskel aufweist (vgl. J. P. Gumbert, in: Renaissance- und Humanistenhandschriften, München 1988, S. 68), aufschlußreiche Einsichten zum Geschichtsverständnis des ausgehenden 15. Jahrhunderts verspricht. Mit den damaligen Bemühungen der Weingartener Mönche um die Welfengeschichte am ehesten vergleichbar ist die gleichzeitige Traditionsbildung im staufischen Hauskloster Lorch, mit der sich der Rezensent beschäftigt hat (in: Von Schwaben bis Jerusalem, Sigmaringen 1995, S. 209-240).

Der Abschnitt I.4 zum Kult in Mantua sowie in den benachbarten Verehrungsstätten auf der Reichenau, in Weißenau und Bad Wurzach leitet über zu den theologie- und frömmigkeitsgeschichtlichen Aufsätzen. Während Walter Kasper, Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, mit seiner Bewertung der Heilig-Blut-Verehrung pastorale Zwecke verfolgt, bieten die übrigen Aufsätze wichtige Materialien zur allgemeinen Verehrungsgeschichte des Heiligen Bluts: in der Liturgie der Gegenwart, im Protestantismus, in der Religiosität des Mittelalters. Der Bedeutung des Bluts Christi für Franz von Assisi und Katharina von Siena wird in eigenen Arbeiten nachgegangen. Hervorgehoben sei die umfangreiche Studie von Klaus Berg: "Der Traktat des Gerhard von Köln über das kostbare Blut Christi aus dem Jahr 1280" (S. 435-484). Ihm ist eine lateinisch-deutsche Ausgabe beigegeben.

Mit der Weingartener Heilig-Blut-Verehrung seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert befassen sich die letzten drei Autoren des ersten Teilbandes. Der religiösen Volkskunde ist der zweite Teilband (S. 553ff.) gewidmet: hier geht es um das Heilig-Blut-Brauchtum und seinen Niederschlag in der Sachüberlieferung, um Bruderschaft, Wallfahrtsandenken, Votivgaben usw. Ein eigener Abschnitt mit fünf Beiträgen, von denen Hans Ulrich Rudolf allein drei beisteuerte, gilt dem Blutfreitag und Blutritt in Weingarten. Den Abschluß bildet ein Kapitel Vereinsgeschichten: Kurzporträts der Blutreitergruppen. Eine umfangreiche Auswahlbibliographie und ein Register der Begriffe, Orte und Personen runden das gewichtige Opus ab, das jedem Leser empfohlen werden kann, der sich auf hohem Niveau über ein Traditionszentrum des katholischen Oberschwaben informieren möchte.

Klaus Graf

Druckfassung erschienen in: Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte 32 (1996), S. 310