Höfische Künstler in der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd
"Allzuwenig bekannt ist von dem Bildhauer und ausgezeichneten Elfenbein-Schnitzer Johann Michael Maucher oder Mauchart von Gmünd", bemerkte im Jahr 1870 die "Beschreibung des Oberamts Gmünd" (S. 279). Einige Jahre später konnte der Lehrer Bernhard Kaißer in seinem "Führer durch Gmünd und Umgebung" von 1876 immerhin einige Lebensdaten des Künstlers nennen und auf "sehr schöne Arbeiten" in der Kunstsammlung zu Hohenlohe-Kirchberg und im Nationalmuseum München aufmerksam machen (S. 128). Fabrikant Julius Erhard (1820-1898), der mit seinen Sammlungen und der 1859 begonnenen "Gmünder Bilderchronik" die historische und künstlerische Überlieferung der Stadt zu sichern bemüht war, interessierte sich für "Photographien nach Arbeiten des Elfenbeinschnitzers Maucher" [1] und trug auch archivalische Belege für Mauchers Tätigkeit zusammen. Etwa zur gleichen Zeit korrespondierte der Gmünder Kaplan und Familienforscher Sebastian Zeiler (1812-1872) mit Öhringen und Wien über Maucher [2].
Was Bruno Klaus in seinem 1895 in den "Württembergischen Vierteljahresheften für Landesgeschichte" veröffentlichten Beitrag "Gmünder Künstler" über Maucher schrieb, fußte zu einem guten Teil auf den Vorarbeiten Julius Erhards. Ausdrücklich erwähnt wird dies für die Notizen aus den limpurgischen Obervogtei-Rechnungen zu Gaildorf. Besonders intensiv hat sich Professor Walter Klein, der verdiente Erforscher der Gmünder Kunstgeschichte, mit den Künstlern der Familie Maucher auseinandergesetzt. 1920 erschien von ihm eine vierzehnseitige Broschüre "Johann Michael & Christoph Maucher, zwei Gmünder Elfenbeinschnitzer des Barocks". 1933 griff Klein das Thema in den "Gmünder Heimatblättern" in einem längeren Aufsatz "Die Elfenbeinschnitzer-Familie Maucher von Schwäb. Gmünd" erneut auf. Leider hat Anton Nägele die in seiner Monographie über das Gmünder Münster 1925 in Aussicht gestellten "nähere(n) Mitteilungen" über "unbeachtet gebliebene archivalische Belege über die Ausführung von Altären im Filstal, wie Spuren seiner [d.h. Johann Michael Mauchers] Prozeßakten" nie veröffentlicht (S. 238).
Die Beschäftigung mit dem Schnitzwerk der Orgelempore und des Orgelprospekts im Gmünder Münster veranlaßte auch Hermann Kissling, in seinem Buch "Das Münster in Schwäbisch Gmünd" von 1975, Neues über Johann Michael Mauchers Leben und Werk mitzuteilen (S. 117f.). Kissling wies auf den Eintrag im Gmünder Ratsprotokoll vom 22. Februar 1690 hin, der Maucher auf ewig der Stadt verwies, und brachte ein bis dahin unbekanntes Zeugnis über die Tätigkeit Mauchers in Alfdorf bei.
Diese kurze Skizze der Gmünder Forschungsgeschichte belegt, daß man sich seit der Mitte des letzten Jahrhunderts in Schwäbisch Gmünd wiederholt mit Johann Michael Maucher und seiner Familie beschäftigt hat. Gleichwohl kommt es einer "Neuentdeckung" gleich, wenn Angelika Ehmer es in ihrer jetzt erschienenen umfangreichen Freiburger Doktorarbeit unternimmt, das "bisherige Bild der Maucher auf der Grundlage der jüngeren Erkenntnisse zu vervollständigen und genauer zu zeichnen, wie auch ihre Arbeiten in das zeitspezifische Umfeld zu stellen" (S. 7). Nach einleitenden Ausführungen über die bevorzugten Werkstoffe der Maucher, Elfenbein und Bernstein, und über Leben und Werk von Georg Maucher d.Ä., Georg Maucher d.J., Christoph Maucher und Johann Michael Maucher, die durch einen "Urkundenanhang" mit Quellenzitaten ergänzt werden, beginnt auf Seite 60 der Hauptteil des Bandes. Es handelt sich um einen umfassenden Werkkatalog der genannten Kunsthandwerker (bis S. 231), der die einzelnen Stücke - insgesamt nicht weniger als 100 Nummern - stilistisch und ikonographisch einordnet. Hervorzuheben ist auch die geradezu opulente Bebilderung des Buches, wobei die Illustrationen nicht nur die Werke der Maucher, sondern auch ikonographische Vorlagen und Parallelen dokumentieren. Ehmers überaus verdienstvolle Leistung stellt die Maucher-Forschung in der Tat auf eine neue Grundlage. Doch nicht nur den Fachleuten kann das Werk empfohlen werden - auch der Liebhaber der regionalen Kunst- und Kulturgeschichte wird nicht zuletzt dank der gediegenen Ausstattung des Werks auf seine Kosten kommen.
Georg Maucher
Der Büchsenschäfter Georg Maucher der Ältere, 1680 im Alter von 76 Jahren gestorben, heiratete 1629 in Schwäbisch Gmünd Maria Haas, die Tochter des Büchsenschmieds Leonhard Haas. Er stammte aus dem oberschwäbischen Haisterkirch bei Waldsee [3] und hat sich vielleicht erst im Zusammenhang mit seiner Heirat in der Reichsstadt an der Rems niedergelassen. Den wenig ergiebigen Gmünder archivalischen Quellen ist nichts zu entnehmen, was ihn von anderen Gmünder Handwerkern unterscheiden würde. Von seinen sechs Söhnen starb der zweitälteste, Johann Leonhard, der wie sein Vater das Büchsenschäfterhandwerk gelernt hatte, bereits 1654 im Alter von 18 Jahren. Ein Sohn Karl lebte als Schuhmacher in Gmünd.
Zehn Radschloßbüchsen aus den Jahren 1656 bis 1670 tragen das Schäftermonogramm "GM", von denen Ehmer - eingestandenermaßen "rein hypothetisch" - drei dem Vater Georg Maucher d.Ä. und sieben dem 1637 geborenen Sohn Georg d.J. zuschreibt. Durch das Beschauzeichen der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd, das Einhorn, das sechs Büchsen tragen, und die Zusammenarbeit mit den Gmünder Büchsenschmieden Leonhard und Michael Haas, die auf fünf Waffen für den Lauf verantwortlich zeichnen, ist die Zuweisung an die Gmünder Schäfterfamilie Maucher sichergestellt.
Christoph Maucher
Christoph Maucher, der 1642 in Gmünd geborene Sohn Georgs d.Ä., hat seine Vaterstadt vermutlich früh verlassen, da er in Gmünder Dokumenten nicht auftritt. 1667 stand er einige Zeit als "Bildhauer" in den Diensten des Fürsten Karl Eusebius von Liechtenstein, um 1670 ließ er sich in Danzig nieder. 1684 und 1705 beschwerten sich die zünftischen Bernsteindreher beim Danziger Rat über seine Bernsteinschnitzerei. Maucher, der sich zeitweilig auch in Königsberg aufhielt, ließ den Kontakt zu Gmünd nicht ganz abreißen, da er in seinem 1706 errichteten Testament Anna Maria, die Tochter seines Bruders Karl, die mit ihrem Ehemann, dem Nagelschmied Dominicus Melber, in "Schwäbisch Munde" lebte, zur Haupterbin einsetzte. 1706/07 ist er gestorben.
Ehmers Katalog der Elfenbeinarbeiten Christoph Mauchers umfaßt sechs Nummern, aus Bernstein führt sie neun Werke auf. Allerdings ist nur ein einziges Werk durch Signatur und Datierung für Christoph Maucher gesichert: eine im Jahr 1700 entstandene Elfenbeingruppe, die Kaiser Leopold I. als Türkensieger verherrlicht. Ein weiteres Stück darf dem Danziger Künstler nach Aussage Berliner Kunstkammerakten von 1682 zugesprochen werden. Alle übrigen Werke wurden von der Forschung aufgrund stilistischer Übereinstimmungen Maucher zugeschrieben. Dem Historiker steht kein Urteil darüber zu, wie souverän und sicher Angelika Ehmer das stilkritische Instrumentarium handhabt, doch erscheint es problematisch, ausgehend von zwei Elfenbeinarbeiten weitere dreizehn Werke für Maucher in Anspruch zu nehmen. Überdies erreichen die Bernsteinschnitzereien nicht das Niveau der Elfenbeinarbeiten. Die Danziger Bernsteindreher hätten diesem Zweifel sicher gern zugestimmt, warfen sie doch in ihrer zweiten Beschwerdeschrift von 1705 Christoph Maucher vor, daß sein Ruhm sich auf anderer Leute Arbeit gründe, nämlich auf das Können seiner Mitarbeiter. Möglicherweise wird denn auch die künftige kunsthistorische Forschung, der hier nicht vorgegriffen werden soll und kann, zurückhaltender von "Maucher-Werkstatt" oder "Maucher-Umkreis" sprechen.
Johann Michael Maucher
Der mit Abstand bedeutendste Sohn der Künstlerfamilie, Johann Michael Maucher, wurde als Sohn Georgs d.Ä. 1645 in Gmünd geboren. 1670 heiratete er eine Gmünderin, Anna Maria Wasserburger, die ihm von 1671 bis 1688 insgesamt dreizehn Kinder schenkte. Von den sechs Söhnen trat Johann Friedrich Maucher (1672-1747) als Bildhauer in die Fußtapfen des Vaters: Er versah die Fassade der fränkischen Deutschordensresidenz 1719/20 mit figürlichem Schmuck. Johann Friedrichs Sohn Matthias Kaspar wirkte als Steinmetz und Bildhauer ebenfalls am Ellinger Schloßbau mit [4].
In Schwäbisch Gmünd schuf Johann Michael Maucher die meisten seiner Prunkgewehre und kleinplastischen Arbeiten. Archivalisch gesichert ist, daß er kleinere Gebrauchsgegenstände an die Schenken von Limpurg lieferte [5], für die Familie von Holtz die Orgel der Alfdorfer Kirche dekorierte [6] sowie Altäre für die Stiftskirche in Wiesensteig und einen Altar für die rechbergische Kirche in Treffelhausen schuf. Während diese Werke alle nicht erhalten blieben, kann der Stil von Mauchers großplastischen Arbeiten noch heute an den Atlantenfiguren am Orgelprospekt des Gmünder Münsters (1686/88) analysiert werden. Ehmer gelang es sogar, eine mutmaßliche Signatur IMF (wohl: Johann Maucher fecit) zu entdecken.
Das Jahr 1689 brachte die entscheidende Wende in Mauchers Leben: Er mußte wegen Falschmünzerei aus Schwäbisch Gmünd fliehen. In der Stadtrechnung auf Lucia 1689 findet sich für die zweite Septemberhälfte der Vermerk: "Hr. Modest Brenner Canzlist, welcher den Michael Maucherdt und Michael Knaup bede flichtige in der statt reittent ausgerueffen 30 xr [Kreuzer]"[7]. Im Gmünder Ratsprotokoll vom 22. Februar 1690 liest man: "Michael Maucher undt Michel Knaupp, wegen gelt machenß flüchtig, sein auf ewig relegiert, ihr vermögen aber undersuecht undt alß dann darzue eine geltstraff undt zwar Maucher umb 400 fl. straff angesehen wordten, Knaupp 300, wann so vihl über die schulden vorhanden sein solte. Hierauf de super sententias et promulgentur"[8]. Von dem Schlossermeister Hans Michel Knaupp weiß die Rechnung über die Arbeiten am Alfdorfer Schloß 1686/89, daß er seinen Auftrag nicht zu Ende führen konnte, da er wegen eines Münzvergehens verhaftet wurde. Er konnte allerdings aus dem Gmünder Gefängnis fliehen [9].
Welche Umstände Maucher in Schulden verstrickt und aus der Bahn geworfen haben, ist unbekannt. Wie bei dem Falschmünzer Hans Jacob Schedel genannt Fechter, der 1689 hingerichtet wurde und das Vorbild für die Hauptperson der Sage "Vom Falschmünzer Sperfechter" abgab, nahm sich auch im Fall Mauchers die mündliche Überlieferung der Sache an. Um 1800 erzählt der Gmünder Chronist Dominikus Debler von dem sogenannten Schifter, "ein großer Künstler", der die Orgelempore im Münster samt den Figuren an der Orgel sowie die Figuren auf dem St. Salvator verfertigt habe: "ist aber bey all seiner Kunst ein liederlicher Gesell gewesen, hat gelt gemacht, mußte durchgehen". Als er in Augsburg dem Kaiser eine kunstvolle Büchse verehrt habe, habe er sich das Recht der Rückkehr nach Gmünd auserbeten, was ihm jedoch auf Einspruch des Bürgermeisters Rauchbein (der im 16. Jahrhundert lebte!) verweigert worden sei. Immerhin habe er die Erlaubnis erhalten, sich in allen kaiserlichen Ländern niederzulassen [10]. Ob es tatsächlich eine Begegnung mit dem Kaiser in Augsburg gegeben hat, inwieweit demnach die Überlieferung einen echten Kern bergen könnte, läßt sich nicht sagen. Die wirkliche Geschichte Mauchers ist bei Debler jedenfalls zu einem mahnenden Exempel dafür geworden, wie nahe Genie und Kriminalität beieinander liegen.
Nach seiner Flucht aus Schwäbisch Gmünd arbeitete Johann Michael Maucher 1690 zunächst für das fränkische Kloster Ebrach. In der Universitätsbibliothek Würzburg hat sich eine Entwurfszeichnung für den Marienaltar des Klosters erhalten. Der Altar selbst befindet sich heute in der Pfarrkirche Oberspießbach. Den Ebracher Akten ist zu entnehmen, daß es einigen Streit über die Bezahlung der geleisteten Arbeiten gab. 1691 ist Maucher als Mitarbeiter bei der figürlichen Ausgestaltung der Fassade der Bamberger Jesuitenkirche archivalisch bezeugt. Ehmer schlägt vor, zwei von den neun Fassadenfiguren Maucher zuzuweisen. Spätestens 1692 wurde Maucher Bürger von Würzburg. Da er nicht ordnungsgemäß aus dem Gmünder Bürgerrecht entlassen wurde, könnte man daran denken, daß der Würzburger Fürstbischof die Bürgeraufnahme des renommierten Künstlers veranlaßt hat. In Würzburg war Maucher für das Juliusspital und das Nonnenkloster Oberzell tätig. Er schuf auch in den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts die Zeichnung für einen Würzburger Ratskalender [11]. Allerdings nahm das Würzburger Domkapitel davon Abstand, ihm die Gestaltung seines eigenen Kalenders zu überlassen. Der "allhießige bildthauer der Schwab" habe zwar den Ratskalender entworfen, doch sei die Architekturdarstellung zu mangelhaft. Mauchers vielleicht letztes Werk war der (noch erhaltene) Grabstein für die 1699 verstorbene Gattin eines Heilbronner Ratsherrn. Da seine Witwe 1701 deshalb eine Forderung erhebt, dürfte Johann Michael Maucher in diesem Jahr gestorben sein.
Höfischer Künstler
Meisterwerke von internationalem Rang sind jedoch nicht die großplastischen Werke, sondern vor allem die Jagdwaffen Johann Michael Mauchers, Arbeiten, in denen sich seine "vehemente, künstlerische Phantasie, sein dynamischer Gestaltungswille im Figürlichen und Ornamentalen, originaler Stil und virtuoser Umgang mit dem Material ... zu Höhepunkten vereinigen" [12]. Die Zuschreibungssituation ist bei den einzelnen von Ehmer behandelten Objektgruppen durchaus unterschiedlich: Während von den 20 Katalognummern Radschloßbüchsen (entstanden im Zeitraum 1668 bis 1693) nur eine Büchse unbezeichnet ist, läßt sich von den vier Nummern Steinschloßbüchsen und von den sechs Nummern Pistolen nur jeweils ein Stück mit Sicherheit zuschreiben. Auch von den fünf Pulverflaschen trägt nur eine das Monogramm "MM". Von den Einzelteilen (sechs Nummern) ist kein Stück bezeichnet. Besonders mißlich ist die Lage bei den in Privatbesitz befindlichen Katalognummern C I 42 (Griff eines Jagddegens) und C I 43 (Döschen), die unbezeichnet, bislang unveröffentlicht und bedauerlicherweise mit keiner Abbildung in Ehmers Buch vertreten sind. Diese Zuschreibungen entziehen sich somit einer wissenschaftlichen Kontrolle.
Insgesamt werden von den 43 Katalognummern der Gruppe C I (Waffen und jagdliches Gerät) nicht weniger als 21 Stück Maucher lediglich aus stilistischen Gründen zugesprochen. Bei der Gruppe C II (Prunkgeräte und freiplastische Gruppen aus Elfenbein), die insbesondere Mauchers berühmte Prunkschalen und Prunkkannen umfaßt, stehen sechs signierte bzw. durch archivalische Zeugnisse gesicherte Stücke acht zugeschriebenen Arbeiten gegenüber. Relativ unsicher ist die Zuweisung der sechs Katalognummern der Gruppe C III, da diese Arbeiten nicht mehr erhalten sind und die Urheberschaft Mauchers daher auch nicht am Original überprüft werden kann. Aus dem Maucherschen Oeuvre ausgeschieden werden sechs Arbeiten, von denen die Hälfte dem Gmünder Museum gehört. Ob Ehmer bei der Zuweisung von Werken an Maucher im Einzelfall nicht doch zu großzügig verfahren ist und man mitunter nicht besser die Bezeichnung "Werkstatt des Johann Michael Maucher" verwenden sollte, wird die weitere kunstgeschichtliche Diskussion erweisen müssen.
Den Historiker interessiert eher die Frage, wie die Maucher als Bürger einer vergleichsweise unbedeutenden Reichsstadt dazu kamen, Waffen und Prunkgeräte für den Bedarf fürstlicher Höfe zu verfertigen. Es handelt sich fast durchweg um Stücke, die nicht dem Gebrauch, sondern der Repräsentation dienten und wohl von Anfang dazu bestimmt waren, fürstliche Kunst- und Wunderkammern zu schmücken. Die Ikonographie orientiert sich fast nur an der antiken Mythologie, wobei in vielen Fällen mit der Möglichkeit gerechnet werden muß, daß verschlüsselte Anspielungen auf den Auftraggeber in das Bildprogramm eingegangen sind. Das Überwiegen der Jagdthematik ist kein Zufall: Die höfische Jagd diente der theatralisch inszenierten Selbstdarstellung des barocken Fürsten; auf Jagdwaffen konnte er sich als Held feiern lassen. Mauchers Werke dienten zugleich der Gegenwart und der Ewigkeit, waren sie doch dynastische Propaganda für die Mitwelt und Erinnerung- und Ruhmeszeichen für die Nachwelt.
Das kunstsoziologische Problem, wie sich im 17. Jahrhundert Hofkunst und Stadtbürgertum verhalten, kann hier nicht beantwortet, sondern nur ganz kurz angerissen werden. Für Schwäbisch Gmünd ist daran zu erinnern, daß am Anfang des Jahrhunderts der Gmünder Maler Balthasar Küchler, den Peter Spranger jüngst gewürdigt hat [13], im Auftrag des württembergischen Hofs ein prachtvolles Tafelwerk zur Erinnerung an die Fürstenhochzeit von 1609 schuf. Möglicherweise konnten Künstler als reichsstädtische Bürger, anders als ihre Kollegen in den Residenzstädten, etwas unabhängiger gegenüber ihren fürstlichen Auftraggebern auftreten. Es dürfte jedoch zu riskant gewesen sein, fern vom Hof seinen Lebensunterhalt allein mit höfischen Aufträgen bestreiten zu wollen, zumal ja auch die eigentlichen Hofkünstler beschäftigt sein wollten. Die Arbeit mit kostbaren Materialien wie Elfenbein setzte überdies hohe Investitionen voraus. Ebenso mochte der Wechsel eines Herrschers ein kaum kalkulierbares Risiko für die Auftragslage bedeuten.
Sogar ein Johann Michael Maucher, dessen Prunkwaffen schon von den Zeitgenossen
als einzigartige Kunstwerke hochgeschätzt wurden, konnte allein von
der Kleinkunst nicht leben, wie seine großplastischen Aufträge
zeigen. Vielleicht hängt sogar die finanzielle Katastrophe von 1689,
die ihn in die Kriminalität führte, mit dem hohen finanziellen
Risiko bei der Produktion von Luxusgegenständen zusammen. Jedenfalls
signierte Maucher eine ganze Reihe seiner Radschloßbüchsen als
"IAHEN MICHAEL MACHER BILDHAVWER VNND BIXENSHIFTER ZUE SHWEB. GEMEND" (Katalog
C I 15), während aus seiner Würzburger Zeit nur eine einzige
Waffe mit einer solchen Signatur erhalten geblieben ist. So war vielleicht
gerade das, was ihm die Anerkennung der Nachwelt zu sichern vermochte,
nämlich die Schöpfung von Kleinkunst, die aufgrund ihrer Kostbarkeit
meist sorgsam gehütet wurde und daher auch überliefert ist, zugleich
Auslöser der Tragik, die Johann Michael Mauchers Lebensgeschichte
überschattet.
[1] Ergänzungen, Anmerkungen und Literaturhinweise zum Bilder und Geschichtenbuch Gmünder Leute (1984), S. 5.
[2] Hinweis bei Rudolf Weser, Gmünder Heimatbll. 7 (1934), S. 138; ebd. 8 (1935), S. 175.
[3] Wohl der gleichen Familie entstammte der Leutkircher Pfarrer Michael Maucher, der 1585 als Sohn einer "kirchlich engagierten Familie" geboren wurde, "die in Haisterkirch das Kirchenpflegeamt betreute und ein Lehen des Klosters Rot bewirtschaftete", Ansgar Krimmer, Michael Maucher ..., Rottenburger Jb. für Kirchengeschichte 8 (1989), S. 242.
[4] Klein, Gmünder Heimatbll. 6 (1933), S. 138. Zu Ellingen vgl. etwa den Katalog 800 Jahre Deutscher Orden (1990), S. 523. Ein Hinweis auf eine Tätigkeit für den Deutschorden in Neckarsulm findet sich im Gurtbandordner "Personen" des Stadtarchivs Schwäb. Gmünd s.v. Maucher.
[5] Irreführend Ehmer S. 28: "in die umliegenden Orte", d.h. es fehlt der Hinweis, daß Kleins Zitate aus den oben erwähnten limpurgischen Rechnungen stammen.
[6] Während Ehmer (U 48) nach Kissling das Datum 1681 nennt, findet man bei Adolf Schahl, Die Kunstdenkmäler des Rems-Murr-Kreises 1 (1983), S. 90, daß 1674/75 an der Orgel gearbeitet wurde und die 24 Gulden für Maucher in einer undatierten Rechnung gebucht wurden.
[7] Stadtarchiv Schwäb. Gmünd, Bl. 111v. Dieses bei Ehmer fehlende Zeugnis habe ich in der Rems-Zeitung Nr. 297 vom 24.12.1981, S. 12 bekanntgemacht, Hartmut Müller hat dann in seinem - von Ehmer im Literaturverzeichnis aufgeführten - Beitrag in der Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd (1984), S. 597 Anm. 39 nochmals ausdrücklich auf diese Quellenstelle hingewiesen. Eine gründliche Durchsicht der Gmünder und anderer archivalischer Quellen wird mit Sicherheit eine Reihe weiterer Maucher-Belege erbringen. Auf solche Recherchen hat Ehmer bedauerlicherweise verzichtet.
[8] Staatsarchiv Ludwigsburg B 177 S Bü 528, Bl. 31v. Bei Ehmer U 64 mit Lesefehlern.
[9] Albert Deibele, Gmünder Heimatbll. 26 (1965), S. 46.
[10] Die Stelle ist vollständig zitiert bei Klaus Graf, Kleine Beiträge zum historischen Erzählen in Schwäbisch Gmünd, einhorn-Jb. 1991, S. 105f.
[11] Zu den Würzburger Ratskalendern vgl. jetzt Hans-Peter Trenschel, Die Ratskalender der Stadt Würzburg (1989).
[12] J. B. von Bistram, Waffen- und Kostümkunde 1978, S. 129.
[13] Gmünder Studien 3 (1989), S. 7-36.
Klaus Graf
Druckfassung erschienen in: Ostalb/Einhorn 19 (1992),
S. 244-250